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Blog-Archiv

Gedankenstrom

In welche Richtung strömen Gedanken?
Gibt es eine Strömung?
Wenn ja, woher kommt und führt der Sog?
Gibt es Gegenschwimmer?
(Nennt man sie das Vergessen?)
Gibt es Nichtschwimmer?
Gibt es Regen und Stürme und Wind?
Und kann man Gedanken wortlos ziehen lassen?
Stromabwärts?


Nichtsweh

Wir sind oft umgezogen als ich klein war, meine Mutter und ich. Egal ob Montessori, Waldorf oder staatlich - Kinder tragen einem ubiquitär nach, dass sie sich an keinen Sonntagnachmittag erinnern können, an dem man mit ihnen über Zäune geklettert ist oder Krötenlaiche beschützt hat. Die Einsamkeit, so glaube ich, hat mich empfindlich gegen die Grobheit vieler Mitmenschen gemacht und der laute Whiskey-Bariton meiner Mutter stimmte nur im Gesang des Gegenwindes mit ein. Ich habe es wochenlang in katatonischer Kontaktkarenz inmitten pubertierender Land- und Stadtkinder ausgehalten, landete irgendwann aber immer in jenen Zimmern, die nach Kinderschlaf und heimlichen Zigaretten auf der Fensterbank rochen. Die zuversichtliche Neugierde von Fremden, die es durch offene Fenster in Sommernächten hineinstäubte, und gewisse Eigentümlichkeiten kriegerischer oder friedlicher Vorgänge im Inneren, schienen damals von Bedeutung. Einer dieser Fremden traute mir damals die geheime Erleuchtung an, zu der er über die Liebe gekommen war: Er betrachtete sie wie Vandalismus. Jemand investiert Geld in Farbe, um sie an eine Wand zu streichen, und jemand anderes investiert Geld in Farbe, um sie wieder zu überstreichen. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, ihn über den Geräteschuppen und den Komposthaufen aus dem Fenster zu scheuchen. Genau das war es, was ich hören wollte, um ehrlich zu sein. Mein augenfälligstes Wesensmerkmal waroder ist nämlich die Absenz dieser zuversichtlichen Neugierde. Eigentlich keine Eigenheit meines Wesens, sondern eine einverleibte Lehre aus der Furcht, andere zu Erkundigungen nach meiner Person zu veranlassen. Meiner Person und meinem Körper. Nicht einmal im Zwielicht wollte ich meinen Körper preisgeben. Jegliche Affirmation des Wortes Licht musste undurchbrechlich verbannt sein, alleinig Dunkelheit sollte die Flächen jeder Dimension bedecken. Stille und Dunkelheit bildeten normalerweise den einzigen Kompromiss, den ich mit allen Menschen einging.
Es gab bisher nur einen Menschen, in dessen Anwesenheit ich es keine Sekunde ausgehalten habe, ohne ihn auf mich aufmerksam machen zu wollen. Normalerweise läuft es anders herum, wenn du den Tresen schrubbst und das Shirt dabei in den Bügel des BHs klemmst, um jede erregte Pupille zu noch mindestens einer halben Promille zu überreden. Er war kein gesprächiger Mensch, was allerdings auch implizierte, dass er nichts falsches sagen konnte, obwohl das ja sein Beruf sei, wie er mir eröffnete. Jules war so frei, so frei von Wertung und voreiligen Akquisen. Frei von alldem und frei das alles zu tun. Vielleicht verliebte ich mich in den Gedanken, mit so jemandem zusammen zu sein. Der Gedanke, von ihm zu lernen frei zu sein, war beinahe ebenso fremd.. Und Heimweh hatte ich nie gehabt, immer zog es mich in die Fremde. Der Nachteil an der Fernweh, wie ich schnell lernte: Wenn man sie stillt, wächst sie statt abzuebben.

Sobald wir uns verlassen
Aufeinander
Sollten wir begreifen
Was uns angeht

If anybody ever asks us, let's just tell them that we met in jail

Wenn meine Freunde uns fragen, wie wir uns kennen gelernt haben, sagen wir immer, dass wir uns an Schieles Grab kennengelernt haben. Das entspricht nicht der hundertprozentigen Wahrheit, aber einer sehr hochprozentigen, weil Sam und ich nur dann einvernehmlich Anekdoten erzählen können, wenn mindestenes einer von uns betrunken ist. Wir beide teilen die sadistische Genugtuung, wenn andere für das Stellen dieser trügerische Frage bestraft werden. Und außerdem erweckt es den Anschein, dass uns irgendeine schicksalslastige Kraft verbinde. Aber eigentlich, wenn wir ehrlich sind, saß ich heulend vor dem Grab eines Künstlers, der seit 98 Jahren tot ist, mitten in Ober St. Veit und Sam pflückte Blumen von fremden Gräbern, um sie auf das seiner Großmutter zu legen. Er fragte mich, ob die Sonnenblumen auf Schieles Grab von mir seien, oder ob er sie haben dürfe. Es war diese unverblümte Dreistigkeit, die ich auf eine mindestens genauso pietätlose Weise bewunderte und gleichzeitig verabscheute. Catulls Carmen 85 bildete mit seinem Leitvers Odi et amo schon immer unfreiwillig die Zielgerade für jede meiner Beziehungen. Bei Sam überwiegt der Odi-Part jedoch mehr, und führt nahtlos zu fieri et excrucior.
Sam spricht die Dinge aus, die ihm im Kopf herumschwirren. Das mag dreist sein, oder respektlos oder naiv, aber besonders die spontane, impulsive und buchstäblich leichtsinnige Komponente der schonungslosen Ehrlichkeit, die seinen Charakter zu größten Teilen ausmacht, führt mich regelmäßig in Situationen, die so untypisch für mich selbst sind und mich somit von mir selbst entfernen. Dieser Freiheitssinn überkam mich ebenso an Schieles Grab, den mein Lieblingskünstler in gewisser Weise auch wiederspiegelt. Sam kennt Schiele - ein Schicksal, um das man nicht herum kommt, wenn man in Klosterneuburg aufgewachsen ist - und er mag ihn mehr als Klimt. "Weil er malt und zeichnet, wie ihm das Maul gewachsen ist.", hat er dann an diesem Grab gesagt. "Schiele malt wie er spricht, weil er nicht illustriert oder karikuriert, er drückt sich einfach aus in einer eigenen Formsprache. Klimt hingegen kandiert alles mit seiner Niedertracht, golden gefallen zu wollen, oder pornografisch zu provozieren." Diese Äußerung von Sam weckte bei mir damals den Eindruck, er hätte eine Ahnung von Kunst. Oder gar eine Meinung.
In Krimis heißt es doch immer, man flieht nur, wenn man schuldig ist.